Ich bin gestern Abend um 22:00 Uhr zum Supermarkt gefahren. Während des Einkaufens bin ich plötzlich so tief in meine Gedanken versunken, weil ich immer noch mit allem sparsam umgehe, obwohl ich mir mittlerweile alles leisten kann. Deshalb würden manche vielleicht sogar denken, ich sei geizig.
Ich verdiene inzwischen genug und habe sogar einen Dienstwagen, mit dem ich überall fahren darf. Aber meine alten Gewohnheiten wollten mich einfach nicht loslassen. Und manchmal denke ich deshalb, dass ich mit meinem Lebensstandard nicht so ganz klarkomme.
Ich hatte in meinem ganzen Leben nie genug Geld. Als Student musste ich wirklich alles sparen, damit ich überhaupt zweimal am Tag etwas essen konnte. Ich war allein und ums Überleben gekämpft. Gleichzeitig denke ich, ich hatte das Privileg, hier studieren und leben zu dürfen. Immerhin ist das Land safe.
Ich habe sogar schon abgelaufene Produkte aus Supermarktcontainern geholt und gegessen. Tagsüber habe ich studiert und abends gearbeitet. Automatisch suche ich im Supermarkt immer das Günstigste oder das, was im Angebot ist. Auch beim Reisen denke ich zuerst ans Sparen.
Heutzutage frage ich mich oft, warum ich so geworden bin und wofür ich eigentlich so lebe. Ich lebe nur einmal, ich sollte mein Leben genießen. Ich sollte tun, was ich will. Aber das ist verdammt schwer! Vielleicht bin ich einfach komplett lost. Deshalb mache ich nichts und spare einfach weiter. Es kann doch nicht sein, dass ich seit einem halben Jahr in einer Zwei Zimmer Wohnung lebe und die Wohnung immer noch nicht fertig eingerichtet ist. Außerdem bin ich nicht wirklich glücklich, obwohl ich heute viel mehr besitze als früher.
Wenn ich jetzt an meine Vergangenheit denke… Ich war arm, aber ich hatte ein Ziel. Ich war arm, aber ich hatte Spaß. Ich war arm, aber ich war glücklich. Ich war arm und ich war mutiger. Damals, als ich in einem 9 m² Zimmer wohnte, habe ich Toilette mit vier Personen geteilt, Küche und Dusche mit zwölf Personen geteilt. Damals habe ich viel beschwert, aber wenn ich heute zurückblicke, hatte ich doch irgendwie Spaß. Ich war damals mutig und menschlich. Als ich hörte, dass meine Nachbarin Geburtstag hatte, bin ich einfach mit einem Freund hingegangen, haben wir an die Tür geklopft “Hoch soll sie leben” gesungen und wir wurden spontan zur Feier eingeladen. Wir waren alle arm, wir hatten nichts, um luxuriös zu feiern. Aber ein kleines Lagerfeuer hat uns gereicht. Es war arm aber sexy.
Ich war auch viel unterwegs, und ein mal hatte ich gar kein Geld, habe ich deshalb einfach draußen im Schlafsack geschlafen. Da habe ich zum ersten Mal den Nachthimmel voller Sterne und Sternschnuppen gesehen. Ich hatte nichts aber diese Zeiten waren sexy. Ich war begeistert von meinem eigenen Leben, von meinem Traum. Heute fühle ich mich nicht mehr so wie früher. Obwohl ich mehr besitze, obwohl ich mehr Möglichkeiten habe, fühle ich mich leerer. Deshalb möchte ich wieder eine Bucket List erstellen und an meinem Leben arbeiten. Ich möchte mich wieder lebendig fühlen, wieder neugierig sein, so wie damals.